Kolumne von Thorsten Lux
Wieder einmal waren die Medien voll davon. Wieder waren alle schockiert – zumindest taten alle so. Wieder einmal wurden die alten Verbotsanträge aus den Schubladen gezogen. Wieder einmal wurde die Gelegenheit genutzt, in die Medien zu kommen. Es wurde reagiert, oder zumindest erweckte man den Anschein, reagiert zu haben. Und damit scheint wieder alles im Lot. Bis zum nächsten Amoklauf.
Das klingt abgestumpft? So ist es. Denn man kann sich durchaus fragen, was Begriffe wie „Wut, Trauer, Verzweiflung“, die doch eigentlich elementare Emotionen beschreiben sollen, inhaltlich noch zu transportieren in der Lage sind, wenn sie quasi als Überschrift viertelstündlich und völlig emotionslos aneinandergereiht im Fernsehen ausgestrahlt werden. Man kann sich fragen was Sendungstitel wie „Perverse Internetforen – wie gefährlich sind sie wirklich?“ bewirken sollen. Ohne die Sendung überhaupt zu sehen, weiss man bereits, welche Botschaft transportiert werden soll. Es gibt perverse Internetforen, die gefährlich sind. Und diese Internetforen tragen natürlich Schuld daran, dass es einmal mehr ein Mensch als einzigen Ausweg ansah, Amok zu laufen. Offen bleibt bloß die Frage, welche Internetforen aus welcher Perspektive pervers sind, oder zumindest sein sollen – und in welchem Maße sie unter welchen Umständen für wen gefährlich sein sollen. Der typische Beissreflex der in solchen Fällen kommunizierten Verbotsforderungen liegt unübersehbar in der Luft. Hierbei böse Absichten zu vermuten mag eine populäre Ansicht sein und sogar in einigen Fällen zutreffen, jedoch ist es ebenfalls eine Tatsache, dass viele Menschen einfach Angst haben. Angst vor dem „bösen Nachbarn“, Angst vor Einbruch, Angst vor Gewalt, usw.
Wir leben in einem ständigen Angstzustand. Das beginnt am heimischen Rechner, der mit ständig neuen Anti-Viren-Updates vor unberechtigtem Zugriff geschützt werden muss. Es geht weiter an der eigenen Haustüre, die mit ständig besseren Sicherheitsschlössern geschützt werden muss. Es setzt sich fort in einem anwachsenden Markt von privaten Sicherheitsfirmen und zusätzlichen Kräften, die Polizeiaufgaben bewältigen sollen und findet seinen vorläufigen Gipfelpunkt in Forderungen, dass auch die Bundeswehr im Inneren eingreifen können soll.
All das scheint nur folgerichtig, wenn man immer wieder von einem Amoklauf Kenntnis nimmt, wenn die Medien überquellen von Gewalt und wenn die Kriminalitätsstatistik ununterbrochen ansteigt. Womit sich die Frage stellt, ob es tatsächlich so ist, dass unsere Gesellschaft ständig brutaler und krimineller wird und falls dem so ist, woran dies liegen könnte.
Zunächst lässt sich einmal feststellen, dass man durch die Vernetzung der Welt immer mehr mitbekommt, was geschieht. Es lässt sich auch feststellen, dass der Begriff „Gewalt“ in den Medien zum Modewort wurde, der als Überbegriff genutzt wird und alles ausdrücken soll was vom Streiten zweier Kleinkinder um ein Schäufelchen auf dem Spielplatz bis zum Atomkrieg hinlangt. Es lässt sich ebenfalls feststellen, dass die „Kriminalitätsstatistik“ zu den am meisten missbrauchten Begriffen gehört, wenn populistische Forderungen durchgesetzt werden sollen. Denn was drückt denn die sogenannte Kriminalitätsstatistik aus? Eigentlich ist sie ein Tätigkeitsbericht der Polizeibehörde – keine Statistik wie kriminell Teile unserer Gesellschaft sind, wie uns der Begriff zunächst glauben machen will. Erst wenn man nämlich genauer hinsieht, stellt man fest, dass in dieser Statistik auch die Anzeigen enthalten sind, die sich als unbegründet herausstellten. Es fällt ebenfalls ins Auge, dass immer mehr Delikte angezeigt werden, für die man früher „dem Lausbub mal ordentlich die Ohren lang gezogen hätte“.
Also alles nicht so schlimm? Auch wenn die Quantität der Kriminalität nicht, oder zumindest nicht im kommunizierten Maße angestiegen ist, gibt es natürlich Kriminalität. Auch die Amokläufe sind real. Aber bevor man die nächste Denkabkürzung wählt, die alten Verbotsforderungen wieder hervor kramt, oder schlicht die Gelegenheit nutzt, mal wieder in die Medien zu gelangen, sollte man sich vielleicht fragen, ob es nicht etwas gibt, oder geben kann, womit man dem eigentlichen Problem tatsächlich begegnen kann. Ein Amoklauf ist weit mehr als ein Medienrummel, der kurzzeitig Abwechslung in den grauen Alltag bringt. Eventuell muss man dem mit anderen Mitteln begegnen, als einen weiteren Bereich des Lebens zu überwachen, einzuschränken, oder weitere Uniformierte durch weitere Straßen patrouillieren zu lassen.
Dabei ist dieser Beissreflex der Verbotsforderungen so neu gar nicht, als dass man nicht mittlerweile begriffen haben sollte, dass dieser Weg zwar „vergiftete Brunnen“ schafft, aber keine Lösungsansätze beinhaltet. Ob man an Goethes Gedicht „Prometheus“ denkt, an Jerry Lee Lewis „Whole lotta shakin’ goin’ on“, an weltfremde Forderungen ganze Musikstile zu verbieten, oder derzeit Internetforen und digitale Spiele zu verbieten. Die Forderung ist immer leicht zur Hand, wird meist sofort begrüßt und selten fragt tatsächlich jemand nach, was das denn eigentlich bringen soll. Zuzüglich dem Umstand, dass es natürlich neugierig macht zu wissen, was denn da eigentlich verboten wird.
Man stelle sich das Menschenbild mancher Politiker vor! Demnach scheint unsere Gesellschaft mehrheitlich aus Menschen zu bestehen, die potentiell im Verdacht stehen unmittelbar eine Straftat zu begehen, sobald sie sich irgendwo einmal nicht durch die Obrigkeit beobachtet glauben. Interessant auch der Gedanke, dass solch ein Menschenbild und die Folgerungen daraus tatsächlich mehrheitsfähig sind. Dass man tatsächlich gewählt werden kann, wenn man seine Wählerschaft grundsätzlich und ohne Bewährungschance zu potentiellen Kriminellen erklärt. Welches Selbstbild müssen Menschen haben, die jemandem für diese elementare Beleidigung ihre Stimme anvertrauen? Wie viel Angst müssen solche Menschen vor ihrem Nachbarn, vor ihrem Freundeskreis und vor den übrigen Menschen haben? Kann es nicht sein, dass dieser beständige Angstzustand und dessen Folgerungen auch ein Grund sind für Amokläufe? Sind es nicht der Automatismus der Verbotsforderungen und die zunehmende Überwachung, die daraus folgende Abschottung der Menschen voreinander, die sich hieraus ergebende Anonymisierung der Gesellschaft, die Menschen in die Vereinsamung zwingt? Ist hierin nicht ein Grund zu suchen, weshalb viele Jugendliche die meiste Lebenszeit am Rechner zubringen statt unbeschwert Fußball zu spielen? Ist dies nicht ein Grund, weshalb viele ältere Menschen ohne Internetzugang gar keinen Ansprechpartner mehr hätten? Die meisten Menschen scheinen verlernt zu haben, miteinander zu leben, sich Zeit füreinander zu nehmen, einander zuzuhören, sich gegenseitig zu vertrauen und sich einander anzuvertrauen.
Aber hier soll nicht derselbe Fehler auf andere Art betrieben werden. Wer am eigentlichen Problem rühren will, darf nicht auf die nächstbeste Denkabkürzung hereinfallen, sondern muss jeden Gedanken zu Ende denken, muss Ursachen analysieren, muss nach echten Lösungsansätzen suchen. Dazu gehört eben auch, nicht auf den Medienrummel hereinzufallen, sondern selbst nachzudenken. Es muss darum gehen jenseits der Selbstdarsteller und Interessenvertreter nach der Wahrheit zu suchen. Womit sich allerdings die Frage stellt, ob es DIE Wahrheit eigentlich gibt und aus welcher Perspektive sie für welche Wahrnehmung für wen Gültigkeit besitzen kann.




