Pali ist Pop!

By aufrechtgehen

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Hamburg trägt wieder „Pali-Tuch“, konstatierte vor ein paar Tagen die „Hamburger Morgenpost“ und bestätigte eigentlich nur das, was jedem aufmerksamen Beobachter des Zeitgeistes seit geraumer Zeit ins Auge fallen mußte. Kufiya ist Pop! Das Tuch, das einst in der Linken hohen politischen Symbolwert genoß, ist heute vor allem Modeaccessoir und wird oft genauso unreflektiert getragen wie ein Che-Guevara-T-Shirt. Der Artikel in der MoPo erinnerte mich aber daran, daß auch bei mir noch irgendwo so eine Kopfbedeckung lagern mußte. Nach längerem Suchen förderte ich ein Original aus den 7oern zu Tage, welches mit mir damals u. a. aktionsreiche politische Demonstrationen wie in Brokdorf erlebt hatte. In all den bewegenden Jahren meiner frühen und späten Jugendzeit der 70er und frühen 80er Jahre war es mir immer ein treuer Begleiter gewesen. Nun hielt ich das gute Stück nach einer halben Ewigkeit einmal wieder in den Händen. …

Doch trotz seiner zwischenzeitlich erfolgten Kommerzialisierung gilt das Pali-Tuch noch immer als Symbol der Linken, auch wenn es heute hin und wieder sogar von irgendwelchen neonazistischen Arschlöchern getragen wird. Die unter Linken bis dato immer als positiv empfundene Symbolik wird jedoch seit geraumer Zeit von der „antideutschen“ Fraktion der Linken massiv als (quasi) faschistoid denunziert. Und dies primär auch nicht wegen der Nazis, die sich ja bekanntermaßen seit jeher linker Symbolik schamlos bemächtigen. Neben einem äußeren Feindbild, dem Islam (Stichwörter wären hier beispielsweise Islamismus oder Islamofaschismus), braucht es offenbar den inneren Feind. Mit der Denunzierung des Palituches, so scheint es mir, soll die freigeistige, antiautoritäre und kulturrevolutionäre Linke getroffen werden, die in der APO-Tradition eines Rudi Dutschke und eines Hans-Jürgen Krahl, und in Folge auch der Ökologie- und Friedensbewegung steht, und sich nach wie vor nicht von dem bellizistischen und neokolonialen Virus wie die „Antideutschen“ hat anstecken lassen. Was meint Ihr dazu?

Dazu auch der Artikel von Gerhard Hanloser: Warum coole Kids doch manchmal Palitücher tagen. Zur Verteidigung eines Kleidungsstückes


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22 Antworten zu „Pali ist Pop!“

  1. »Pali ist Pop« | NARODNIK sagt:

    [...] auf die identitätslogische Denunziation derm Keffiyeh-TrägerInnen. Lesen könnt ihr das ganze hier. Gute Sache [...]

  2. scheckkartenpunk sagt:

    Nur weil du mit deinen Erinnerungen an die Siebziger und Achtziger romantisierst bedeutet das nicht, dass das Palituch deshalb ein gutes Symbol war/ist. Abgesehen davon, dass es in den Zeiten genug antisemitische Tendenzen in der Linken gab. Warum an so einem Symbol festhalten, wenn es sich als falsch herausstellt? Wer sich zur Linken zählt und sich mit dem Bewusstsein der antisemitischen Konnotation des Tuches entscheidet dieses trotzdem zu tragen, dem kann man einfach unterstellen, dass er mit dieser Konnotation konform geht.

    Erst die Resistenz gegen Aufklärung in der deutschen Linken ermöglicht jetzt, dass die Mitte genauso romantisierend das Tuch tragen kann, ohne sich mit dessen Geschichte konfrontieren zu müssen.

    Der Hanloser-Text ist hahnebüchen, ich würde mich auf niemanden berufen, der von „unbewusster Selbstproletarisierung“ spricht.

  3. narodnik sagt:

    dass es in den Zeiten genug antisemitische Tendenzen in der Linken gab

    Kraushaar läßt grüßen.

    Erst die Resistenz gegen Aufklärung in der deutschen Linken

    Was soll das denn heißen? Die deutsche Linke als Nachfolger der vermeintlich antimodernen Nazis? „Aufklärungsresistenz“, alleine dieses Wort zeugt von der Absenz jeglicher Reflexion auf die antisemitische Konstitution des aufgeklärten Westens selbst. Hier wird die kritische Theorie von Adorno/Horkheimer völlig verdreht und es so hingestellt als wenn man jetzt einfach den Westen gegen die böhsen Antimodernen affirmieren müßte.

    Und die Romantik ist btw nicht die schlechteste Tradition – gerade die KT Adornos hing eng damit zusammen.

  4. narodnik sagt:

    ich würde mich auf niemanden berufen, der von “unbewusster Selbstproletarisierung” spricht.

    Ja, weil du vom Klassenkampf, d.h vom Proletariat nichts wissen willst. Ist halt in den Klassengehalt wegzuwischen und nur noch vom „deutschen Mob“ zu sprechen. Deutschland ist schließlich ein „Produktionsverhältnis“ (ISF)…

  5. scheckkartenpunk sagt:

    Naja, unbewusst proletarisiertes Proletariat hat kein Klassenbewusstsein – wie willste denn dann keinen Klassenkampf führen? Du (bzw Hanloser) generierst selbst in deinem Verständnis theoretische Windmühlen.

    Nun gut die deutsche Linke ist nicht Aufklärungsresistent – btw. wörtlich gemeint also ohne irgend eine Bezug auf die „Aufklärung“ und schon gar nicht auf Adorno/Horkheimer, denn dann wäre die Referenz erwähnt – d.h., dass im vollen Bewusstsein das Palituch getragen wird, und dass dieses Wissen um Geschichte und Konnotation schon in den 70ern da war. Das macht natürlich alles besser – du hast recht.

  6. scheckkartenpunk sagt:

    Ach ja, das/ denke ich darüber. Ist nur ein bisschen lang, als direkter Kommentar.

  7. aufrechtgehen sagt:

    „Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voller metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken… Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne“ [Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis, Karl Marx].

    Pali war subversiv * Pali war Revolte * Pali ist Ware * Pali ist Pop! * Pali ist Erinnerung * Pali ist die bewußte und unbewußte Hoffnung und Vision, daß sich die guten APO-Geister Verstorbener wieder bemerkbar machen, an den Tischen rütteln, diese zum Tanzen bringen * Pali ist Dada …

  8. aufrechtgehen sagt:

    Habe eben einen rund drei Jahre alten, zum Thema passenden Artikel im FAZ NET gefunden: „Von der Beute zum Bekenntnis: das Palituch“, Von Eberhard Rathgeb

    Kann man hier lesen

  9. besserscheitern sagt:

    Danke, Danke!

    Mit dem Verweis auf Pop wird ja auch endlich mal ein wirklich spannender und hoffnungsvoller Aspekt angesprochen. Eben weil es gerade in ist, wird es bald absolut unmöglich sein Palitücher zu tragen, da das Palituch als Modeaccessoire getragen wird und nicht als Bekenntnis. Nach der Modewelle ist es dann wieder absolut unschick.

    Lustig wäre es, wenn hinterher die Linke, und da zähle ich die antideutschen Kritiker mitrein, immer noch am streiten ist.

  10. noir sagt:

    zu dem thema überhaupt längere texte zu verfassen ist kompletter unsinn, aber der hanloser-artikel ist nur noch lächerlich.
    wer aus lauter identitärem selbstverortungszwang den palilumpen um den hals oder stars und stripes am rever braucht dem ist auch nicht mehr zu helfen.

  11. narodnik sagt:

    Es geht hier – abgesehen davon das IDENTITÄT nicht notwendig blöd ist – darum, sich die Traditionen nicht einfach so wegnehmen zu lassen. Das Keffiyeh ist ein Stück linksradikaler Geschichte. Die ADler verfälschen ja gerade 1968 indem dann vom antisemitischen/antizionistischen Antiimperialismus geredet wird. Es geht nicht um eine widerspruchslose Identität damit, aber genausowenig kann es um eine völlige Geschichtslosigkeit gehen.

    Und dieses eingeforderte Auslöschen des Palituches aus der Linken bewegt sich in der häßlichsten deutschen Tradition.

  12. narodnik sagt:

    zu dem thema überhaupt längere texte zu verfassen ist kompletter unsinn

    Eigentlich ja. Nur antideutsche Ideologen haben Texte wie „Coole Kids tragen kein Palituch“, oder „Ist dir nur kalt, oder hast du was gegen Juden?“ zuerst publiziert. Und solche Sachen sind ja in den blödesten Antifakreisen „emanzipatorischer Mindeststandard“…

  13. besserscheitern sagt:

    „Es geht hier – abgesehen davon das IDENTITÄT nicht notwendig blöd ist – darum, sich die Traditionen nicht einfach so wegnehmen zu lassen.“

    Tja, Pech gehabt. Der Kapitalismus, die alte Sau hat wieder zugeschlagen und nu is nich mehr mit Politik und Palituch. Allerhöchstens in dem engen Rahmen den Scheckkartenpunk mit Bezug auf Roland Barthe abgezirkelt hat.

    So einen Text rauszubringen machte Sinn um Unruhe zu stiften, aber mittlerweile hat antideutsche Kritik zumdinest in der Linken keine Probleme wahrgenommen zu werden. Kritik an Antisemitismus bedarf keiner Vehikel wie dem Palilappen mehr. Gegen oder für eine Mode (in dem Sinne wie es gerade mit dem Palituch passiert) zu schreiben ist hoffnungslos.

  14. scheckkartenpunk sagt:

    Die Keffiyeh ist nicht nur Bestandteil linksradikaler Geschichte in den 70ern, die sehr wohl auch zu einem Teil antisemitisch war, sondern vor allem Bestandteil einer Tradition El Husseinis und der Fedayin, die gemeinsam das Tragen des Tuches gewaltsam durchsetzen wollten und es mit der Symbolik eines Kampfes gegen Briten und Juden aufluden. DAS war lange vor linksradikalen 70ern. Zusätzlich dazu bezeichnete Arafat El Husseini als Onkel und Vorbild – und übertrug damit die antisemitische Konnotation auf den Kampf der Palästinenser gegen Israel. Die deutsche Linke war also entweder zu einem Teil unreflektiert (dann wäre sie ja jetzt einsichtig, bzw. sehen das ja auch einige so) oder gehen konform mit der Symbolik und verteidigen sie.

    Da kannst du den Status Quo im Trikont kritisieren wie du willst, das Tuch impliziert durch seine Geschichte und indem du es verteidigst übernimmst du Standpunkte. Aber das willst du ja auch.

  15. scheckkartenpunk sagt:

    ich versteh nicht, warum an dem Lappen festgehalten werden muss

  16. narodnik sagt:

    Jaja weil Arafat Husseini tollfand ist jeder der ein Palituch wie Arafat trägt auch ein Tollfinder von Husseini – Araber-Nazi-Connection …

  17. narodnik sagt:

    Und die zionistische Bewegung hat auch nicht alles gewaltfrei durchgesetzt…. gerade innerhalb ihrer Bewegung.

  18. narodnik sagt:

    Und wer hier vom „Antisemitenlappen“ redet wie du, scheckkpartenpunk, gehört zu jenen falschen Leuten denen man das Richtige nicht mehr erklären kann. Und für einen „Lappen“ hetzt du ganz gut dagegen an…

    Naja, die antideutsche Ideologie ist auch nur ein Teil der deutschen Zustände, die ja bekanntlich abzuschaffen sind. Auf eine antideutsche Modeberatung kann die antiimperialistische Linke gerne verzichten; die weiß eigentlich was bequem und gut ist.

    Es wird Zeit für ein Leila Khaled-Poster!

  19. aufrechtgehen sagt:

    Die Diskussion (nicht nur) hier um das Pali-Tuch bringt es leider auch wieder an den Tag. Wie an anderer Stelle schon einmal geschrieben, scheint sich ein Großteil der deutschen Linken heute wirklich nur noch auf die Frage “Antideutsch” oder “Antiimperialistisch” zu reduzieren. Das Problem liegt hier vor allem im “Anti”, daß keinen Platz mehr für Visionen und gestalterische Politik läßt. Wir brauchen eine kulturrevolutionäre Linke, um die allumfassende Lethargie aufzubrechen. …

  20. aufrechtgehen sagt:

    Übrigens – das „alternative“ Pali-Tuch gibts hier zu sehen… :-)

  21. keta minelli sagt:

    ich trage ja jetzt auch palituch. das design besteht aus pillen mit hammer-und-sichel-logo, butt-plugs, viagra der marke pfizer und kondomen. okay, ein davidstern ist auch drauf, aber ganz klein.

  22. C3R35 sagt:

    Alle tragen jetzt wieder Palituch. Oder eben Antipalituch.
    http://www.antipali.com

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